Spessartschützer bringen Einschlag-Moratorium im Spessart als Gegenmaßnahme zum „Waldsterben 2.0“ in die Diskussion

Knapp 10% der Spessartwaldfläche sollten aus der Nutzung genommen werden. Diese Zielsetzung sehen die Naturschutzverbände als Vorsorgemaßnahme zur Existenzsicherung unseres Waldes angesichts des Klimawandels. Die vorgeschlagene Flächenkulisse ist identisch mit dem bereits 2017 von den Verbänden vorgeschlagenen Naturwaldkonzept. Die Spessartschützer wollen hiermit auch an eine Vereinbarung des Koalitionsvertrages (S. 31) zwischen CSU und Freien Wählern erinnern: „Der Schutz des Waldes hat für uns eine besondere Bedeutung. Wir nehmen dauerhaft rund 10% der staatlichen Waldflächen als nutzungsfreie Naturschutzflächen und Naturwaldflächen von der forstwirtschaftlichen Nutzung aus. …“. Gerade für den Spessart muss diese Maßzahl auf jeden Fall erreicht werden.

18.08.2019

Der heiße Sommer 2018 und die daraus resultierenden Dürreschäden im Wald hat der Dringlichkeit der Aufgabe unseren Spessartwald zu schützen eine scharfe Brisanz gegeben. Die Verbände teilen die Ansichten der behördlichen Waldschützer, dass die Entwicklung so dramatisch werden kann, dass in manchen Waldbereichen der Aspekt der Holznutzung zunehmend in den Hintergrund treten wird, wie z.B. AELF-Chef Angerer im Leitartikel „Waldbäume sterben in großer Zahl ab“ des Mainecho am 7.7.19 feststellt. Die „Gemeinwohl-Funktionen“ des Waldes wie Wasserspeicher, Klimapuffer und Erholungsraum sind ohnehin viel wichtiger als der Holzeinschlag. Um diese zu bewahren, bringen die Verbände ein sofortiges Einschlagmoratorium für ausgewählte Waldbereiche des Spessarts in die Diskussion. 

Die Begründung dafür ist ganz einfach: Geschlossene, dichte Buchenwälder, wie sie unter den heutigen Bedingungen bei uns ohne Waldwirtschaft entstehen würden, haben eine viel bessere Widerstandskraft gegen heiße trockene Sommer als Wirtschaftswälder. Ihr Blätterdach ist so dicht, dass fast kein Sonnenstrahl bis auf den Boden dringt. Der Schatten und die Verdunstung der Bäume bewirken eine deutliche Temperaturabsenkung gerade an heißen Tagen. Ganz anders der Wirtschaftswald. Der Stil der Waldbewirtschaftung setzt unsere Wälder erheblichem Stress aus. Zu nennen sind hier insbesondere starke Durchforstungen, die das Kronendach des Waldes durchbrechen. Das Sonnenlicht fällt dadurch bis auf den Waldboden, heizt diesen auf und trocknet ihn aus. Das von Natur aus feuchte Waldinnenklima geht verloren.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die entwässernde Wirkung des forstlichen Erschließungssystems. Forstwege samt ihren Entwässerungsgräben beschleunigen den Wasserabfluss und verschärfen das Problem des Wassermangels in Dürreperioden. Die gleiche Wirkung haben die tiefen Fahrspuren der dicht aufeinander folgenden Rückegassen, die eine ständige Wasserableitung gerade auch im Zusammenhang mit den die Forststraßen begleitenden Gräben verursachen. Gerade bei Starkregen kommt es hier zu Erosion des Waldbodens und zu sintflutartigen Abschwemmungen der Erdkrume. Bodenverdichtung und Wurzelschäden durch schwere Holzerntemaschinen verschlechtern zusätzlich die Wasser- und Nährstoffversorgung der Bäume.

Nicht zuletzt gefährdet eine falsche Baumartenwahl die Zukunft unserer Wälder. Nach wie vor finden sich aus rein wirtschaftlichen Gründen hohe Anteile von Fichten, Lärchen und Kiefern auch in den Betriebsplänen staatlicher Forstbetriebe, obwohl man weiß, dass diese Nadelbaumarten in kühlen Gebirgsregionen oder in der nordischen Taiga beheimatet sind und im trockener und wärmer werdenden Klima keine Überlebenschance haben. Hier halten die Verbände einen deutlich weitergehenden Umbau Richtung Laubwald für notwendig als dies bisher vorgesehen ist.

Aus den genannten Gründen fordern die Verbände eine konsequente Orientierung an der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes ( BVerfG, Urt. v. 31.05.1990, NVwZ 1991,53), die da lautet: “Die Bewirtschaftung des Körperschafts- und Staatswaldes dient der Umwelt- und Erholungsfunktion des Waldes, nicht der Sicherung von Absatz und Verwertung forstwirtschaftlicher Erzeugnisse. Die staatliche Forstpolitik fördert im Gegensatz zur Landwirtschaftspolitik weniger die Betriebe und die Absetzbarkeit ihrer Produkte als vielmehr die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts.“

Weil diese elementaren Grundsätze noch nicht zum Selbstverständnis forstlichen Handelns im öffentlichen Wald geworden sind und die Bedrohungslage für unsere Wälder anhält, bringen die Verbände ein sofortiges Einschlagsmoratorium für besonders wertvolle Waldbereiche des Spessarts (insbes. Klasse 2 Wälder  des Staatswaldes) in die Diskussion. 

 

Bei Klasse 2 Wäldern handelt es sich um die ökologisch hochwertigsten, aber nach wie vor forstlich genutzten Laubwälder mit einem Bestandsalter über 140 Jahre. Aufgrund des noch dichten Bestandes und ihrer sehr naturnahen und standortgemäßen Baumartenzusammensetzung wird solchen Beständen von vielen Experten eine hohe Widerstandskraft gegen äußere Einflüsse bescheinigt. Befreit von den Stressfaktoren forstlicher Nutzung könnten also gerade diese Wälder dem Klimawandel am besten widerstehen und dazu noch den größtmöglichen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt leisten.

Darüber hinaus beziehen sich die Verbände auf ihren Vorschlag eines Naturwaldkonzeptes, der im Dez. 2017 bereits als gemeinsame Pressemitteilung publiziert wurde /1/. Die damalige Motivation war einzig der Aspekt Artenvielfalt und Naturschutz, warum diese Waldgebiete aus der Bewirtschaftung genommen werden sollten. Nun kommt noch die Existenzsicherung des Waldes an sich dazu, wie Dr. Bernd Kempf, Vorsitzender der BB FdS betont. Wie gravierend der Unterschied im Lichteinfall zwischen Naturwald und Wirtschaftswald sein kann, davon kann sich selbst jeder Laie ein Bild machen. Ein aussagekräftiges Beispiel ist am Naturwaldreservat „Kreuzbuckel“ zu finden, das im Konzept der Verbände mit einem Erweiterungsvorschlag bedacht ist.

 

„Sich selbst ein Bild machen“

Eine ausführliche Beschreibung, wie Sie dieses Beispiel im Spessart aufsuchen können, finden Sie auf der website der „Freunde des Spessarts“ unter „Aktuelles“. Dort ist diese Pressemitteilung eingestellt, außerdem gibt es Informationen, wie Sie den Kreuzbuckel in Kartendarstellungen finden. Zusätzlich wird eine kostenlose App für ihr Handy vorgestellt, die es ermöglicht, anhand von Kartendarstellungen incl. Navigation gezielt „Brennpunkte“ im Spessart anzusteuern

Pressemitteilung als pdf herunterladen - Teil 1

Teil 2: Sich selbst ein eigenes Bild machen